Der Zehmerhof im Wandel der Zeit – Hofgeschichte bestimmt von dem Leben zweier Schwestern

Durch die Säkularisation im Jahre 1803, fast 1000 Jahre nach der Schenkung des Hofes durch Cundhart, endet die Grundherrschaft des Domkapitels Freising über den „Zehetmair“- Hof in Gelting.

Das Eigentum erhält aber nicht der damalige Bauer Josef Rattenhuber, sondern eine staatliche Behörde, das Rentamt (Markt) Schwaben. Erst am 2. April 1844 erhält Kaspar Kressierer, seit 1816 durch Witwenheirat Besitzer, durch die sogenannte „Bauernbefreiung“ das volle Eigentum an dem „Zehetmair“- Hof.

1877 heiratet Anton Huber in den „Zehetmair“- Hof in Gelting ein. Er stammt aus dem Geltinger Anwesen beim „Homer“ (heute Finsinger Str. 12) und ist bereits in jungen Jahren Vollwaise geworden. Durch eine reiche Kinderschar bleiben ihm und seinen Geschwistern nur jeweils 3000 Gulden Heiratsgut, für den zweitgrößten Hof im Ort eine vergleichsweise geringe Summe.

Seine Braut Theresia, eine geborene Kressierer ist als einziges überlebendes Kind ihrer Eltern Erbin des großen „Zehetmair“- Hofes geworden.

Nach dem Tod seines Schwiegervaters Anton Kressierer im Jahre 1885 entschließt sich Anton Huber ab 1887 die alten, renovierungsbedürftigen Gebäude, vor allem Wohnhaus, Stadel und Stall durch Neubauten zu ersetzen. Der alte Zehentstadel muss erst 1906 einem Neubau weichen. Um die großen Umbauten finanzieren zu können, lässt er das Zehmerholz teilweise abholzen und verkauft das Holz. Aus der eigenen Lehmgrube auf dem Kirchberg und der hofeigenen Torfwiese bei Eicherloh werden die Baustoffe gewonnen, die von italienischen Arbeitern zu Ziegeln gebrannt werden.

Anton Huber ist von 1888 bis 1918 erster Bürgermeister Geltings und wird später auch zum Ehrenbürger ernannt.

Der älteste Sohn Kaspar wird „Feicht“ und später „Horlacher“- Bauer in Gelting. Die Töchter heiraten zum „Bergschneider“ in Gelting, Bäcker in Finsing und „Fastl“ in Pliening.

Der jüngste Sohn Anton muss 1914 in den 1. Weltkrieg ziehen. Nach einer schweren Verwundung an der Hand kommt er erst spät aus dem Krieg nach Hause. 1919 übernimmt er das elterlichen Anwesen und heiratet im selben Jahr Rosa Huber, „Mair“- Bauerntochter von Finsing.

Bereits 1912 wir die Tochter Anna in Finsing geboren.

Die zweite Tochter Rosi erblickt am 10. November 1918 auf dem Hof ihrer Mutter das Licht der Welt.

Einen Tag vor der Geburt von Rosa dankt Kaiser Wilhelm II. ab und in Berlin tobt die Novemberrevolution. Ihr Vater betont bei Unstimmigkeiten mit ihr sein Leben lang, dass sie doch ein „Revolutionskind“ sei. Einen Tag nach ihrer Geburt endet mit einem Waffenstillstand faktisch der 1. Weltkrieg.

Im April 1920 wird schließlich die jüngste Schwester „Resi“ geboren.

Schon sehr früh werden die Kinder Halbwaisen: Im Jahr 1926 stirbt ihre Mutter im Alter von gerade einmal 37 Jahren.

Beim „Zehmer“ um 1927/1928: von Rechts nach links: Bauer Anton Huber, die 2. Ehefrau Katharina geb. Frank, Rosi (10 Jahre), Anna (15 Jahre), Resi (7 Jahre); weitere Personen unbekannt

Ein Jahr später heiratet der Vater Katharina Frank aus Gelting. Das erste Kind aus der neuen Ehe, Anton, ist eine Zangengeburt. Als Folge ist er geistig schwerst behindert und stirbt 1936 im Alter von nur 7 Jahren. Rosi kümmert sich in dieser Zeit viel um den kleinen Anton. 1934 wird der jüngste Bruder Jakob geboren, der später den Hof übernehmen wird.

1936 heiratet die älteste Schwester Anna den „Homer“- Bauernsohn Alois Bichler. Sie kaufen das „Obermoar“- Anwesen (heute: Markt Schwabener Straße 20) und erhalten sowohl von „Homer“ als auch „Zehmer“ noch Grund dazu.

Viele Tätigkeiten in der Landwirtschaft müssen noch von Hand getan werden, sodass viele Dienstboten notwendig sind, um den größten Hof des Ortes erfolgreich betreiben zu können.

Die ersten großen technischen Neuerungen haben aber bereits Einzug gehalten: Es gibt Dreschmaschinen und einen Kartoffelroder. 1932 wird auch der erste Bulldog angeschafft. Er ist schwer zu starten und hat eine Eisenbereifung mit Vollgummi.

Auch die Kinder helfen bald mit. Die Schule ist da nicht immer so wichtig, wenn es viel zu arbeiten gibt. Mehrere Klassen werden gleichzeitig im Geltinger Schulhaus unterrichtet. Als Brotzeit nimmt man ein Stück Brot und einen Apfel mit.

Ein wichtige Bezugsperson bis zu dessen Tod im Jahre 1932 ist für die jüngeren beiden Schwestern auch der Großvater, Anton Huber. Er versucht, den beiden die Mutter so gut es geht, zu ersetzen. Sind sie beiden kleinen Mädchen traurig oder haben ein wichtiges Anliegen, nimmt er sich der beiden an. Dafür dürfen sie dem Großvater vom Kramerladen Schuler seine geliebten Zigarren holen. Das Wechselgeld dürfen sie behalten.

1933 ändert sich durch die Machtergreifung einiges im heimatlichen Ort: Der Vater kommt aus dem Wirtshaus mit der Nachricht von der Machtergreifung Hitlers heim. Sein erster Kommentar: „Des gibt an Kriag“. Auch in Gelting ändern sich die politischen Verhältnisse. Der bisherige Bürgermeister Burgmair wird abgesetzt und mit dem „Neuwirt“ Geisberger wird ein strammer Nazi neuer Bürgermeister. Der Vater ist zu dieser Zeit bereits 2. Bürgermeister, tritt nach Rücksprache mit Burgmair in die Partei ein und bleibt in seinem Amt. Mehr als die Hälfte der Gemeinderatsmitglieder wird jedoch im April 1933 ausgewechselt. 1936 muss Geisberger wegen Unterschlagung zurücktreten und wird verhaftet. Der „Zehmerbauer“ übernimmt das zu dieser Zeit nicht ganz einfache Amt des Bürgermeisters.

Rosa und Resi Huber bei der Kartoffelernte 1939

Rosi und Resi arbeiten nach ihrem Schulabschluss auf dem Hof mit. Die seltenen Fahrten in die Stadt werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. Ein Kino gibt es in der näheren Umgebung nicht, jedoch finden beim Neuwirt öfters Filmabende statt.

Die Kriegszeit erleben beide als tiefen Einschnitt: Ihre ehemaligen männlichen Mitschüler müssen in den Krieg ziehen. Viele kehren nicht mehr heim.

Auf dem Hof bleiben nur mehr ältere Dienstboten wie die Gebrüder Seitz. Ulrich verunglückt um das Jahr 1941 tödlich mit dem Pferd. Martin bleibt bis zum Lebensende auf dem Hof. Um die fehlenden Arbeitskräfte zu ersetzen, werden Zwangsarbeiter aus Frankreich, Polen und der Ukraine nach Gelting gebracht. Trotz der widrigen Umstände leben sie sich in Gelting ein und verstehen sich mit der Familie sehr gut. Einige kommen auch nach dem Krieg noch auf Besuch.

Auch für die Großbauern ist der Krieg nicht einfach: Als der Vater die letzten 3 guten Rösser abgeliefern muss, weint er wie ein kleiner Bub.

Ist der Krieg zuerst sehr weit von den Geltingern entfernt, sind der Luftkampf von 1944 über Gelting oder auch der Einsatz von Flakhelferinnen in Unterspann doch ein Zeichen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist.

Ein baldiges Ende des Krieges zeichnet sich spätestens in den letzten Apriltagen 1945 ab: KZ- Häftlinge fliehen aus einem Todeszug, der im Bahnhof Poing steht, zu Hunderten auch nach Gelting. Kurz danach werden die meisten von der SS wieder zusammengetrieben. 7 jüdische Frauen werden bei dem Versuch, sich im Kuhstall des Zehmerhofes zu verstecken, verhaftet. 7 männliche Häftlinge können aber vom Vater in einem kleinen Stadl versteckt werden. Zugleich kommen versprengte, hungernde Wehrmachtsoldaten auf dem Hof, die sich im großen Stadl im Stahlhelm Kartoffeln braten.

Die Amerikaner marschieren bei Schneefall am 1. Mai 1945 in Gelting ein. Der Vater wird bald als Bürgermeister abgesetzt und Burgmair wieder in sein Amt eingesetzt. Die Sieger entschließen sich, auf dem heimatlichen Anwesen ihr Quartier einzurichten: Die Familie muss bis auf die Eltern aus dem Haus ausziehen und auf den Heuboden ziehen.

Die Nachkriegszeit ist von einem dramatischen Wandel geprägt: Viele Leute zieht es in die Fabriken wie die Firma „Stahlgruber“ in Poing. Nur noch wenige Personen stehen für die Feldarbeit zur Verfügung.

Die beiden „Zehmerdearndl“ übernehmen die Stallarbeit und alle wichtigen Tätigkeiten, für die keine Dienstboten mehr da sind.

1950 stirbt die zweite Frau des Vaters nach schwerem Leiden. Bis zum Schluss hat Rosi sie gepflegt. Die beiden Schwestern verrichten zusätzlich nun auch noch deren Aufgaben wie Küche und Hausarbeit.

Der Vater baut für beide in den 50er Jahren ein kleines Haus gegenüber des elterlichen Anwesens, das sie zeitlebens bewohnen werden.

Die Arbeit bleibt auch für die beiden jungen Frauen schwer: Mist muss vom Wagen abgeladen und auf dem Feld auch wieder händisch verteilt werden. Um 1957 wird dann der erste Mistbreiter angeschafft, der die Arbeit sehr erleichtert. Durch den Mangel an Arbeitskräften ist der Einsatz von mehr Maschinen notwendig geworden, der sich vor allem in den 50er Jahren rasant gestaltet:

1954 wird der erste Claas- Mähdrescher angeschafft. Er muss von dem Lanz- Bulldog gezogen werden. Dieser Bulldog hat noch keine Kabine. Trotzdem werden auch im Winter mit dem Lanz Treber vom Löwenbräu in München über den damals noch befahrbaren Marienplatz nach Haus transportiert. 1960 verkauft man schließlich die letzten Pferde.

Im selben Jahr heiratet der jüngere Bruder Jakob Edda Schmidt aus Siegertsbrunn und übernimmt den Hof. Rosi kümmert sich viel um ihren Neffen Anton und die Nichte Bärbel.

1961 können das letzte Mal 6 Kartoffelklauber aus der Oberpfalz geholt werden. Jeder Klauber erhält eine Reihe, die er von Hand zum Auflesen überlassen bekommt. Im Mai 1961 wird die Brennereigenossenschaft Pliening-Gelting gegründet und nicht weit vom Haus der beiden Schwestern auf Zehmergrund die neue Brennerei erbaut. Mitinitiator der Gründung ist Jakob Huber mit einem Genossenschaftsanteil von etwas einem Viertel.

1962 wird erstmals eine Kartoffelvollernter angeschafft. Gab es um 1960 gerade einmal 25 Tagwerk Kartoffeln, setzt man jetzt wegen der neuen Brennerei und der Kartoffelfabrik „Pfanni“ in den nächsten Jahren mehr und mehr auf Kartoffeln, bis man 1972 70 Tagwerk erreicht.

Daneben baut man für die beiden Markt Schwabener Brauereien bis zu 120 Tagwerk Braugerste an.

Als gemischter Betrieb hat man neben Ackerbau auch noch eine Tierhaltung mit bis zu 70 Tieren.

1995 übernimmt Jakobs Sohn Anton Huber zusammen mit seiner Ehefrau Andrea, geborene Bichler, die wiederum aus dem „Homer“- Anwesen stammt, den elterlichen Hof. Durch das Ende der Kartoffelfabrik „Pfanni“ in München Mitte der 90er Jahre ist man gezwungen, den Betrieb neu auszurichten. Die Kartoffeln werden ab 1995 in einem eigenen Hofladen verkauft. Nach und nach kommen weitere Erzeugnisse dazu. 1997 wird der erste kleine Hühnerstall gebaut. 1999 entschließt man sich, die Rinderhaltung zugunsten eines weiteren Hühnerstalls aufzugeben. Für die beiden Schwestern ein tiefer Einschnitt, haben sie doch zeitlebens die Stallarbeit verrichtet.

Im April 2001 stirbt Resi, ein Schicksalschlag für Rosi nach über 80 gemeinsamen Jahren.

Rosi, bereits über 80, findet aber schnell eine neue Rolle: Das Eier sortieren. Bis kurz vor ihrem Tod hilft sie mit Begeisterung mit. Obwohl sie immer zu Fuß von ihrem Häusl zum Hof mit ihrem Gehstock geht, ist sie doch immer die Erste und stets motiviert.

Im Oktober 2010 stirbt Rosi mit knapp 92 Jahren. Ihre Verbundenheit zur Geltinger Kirche und ihrem elterlichen Anwesen zeigen die beiden „Zehmerdearndl“ auch durch die Wahl ihres Grabes: Es liegt neben dem „Zehmergarten“ direkt am privaten, hofeigenen Eingang zum Kirchenfriedhof, den sie ihr Leben lang zum häufigen Kirchgang nutzten.

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